Ensemble Laude Novella

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Piæ Cantiones, Anno 1582:

Ute Goedecke - Gesang, Blockflöte, Schalmei
Per Mattsson - Viola da braccio, Symphonia, Gesang
Stefan Wikström - Posaune, Gesang, Schlaginstrumente
Aino Lund-Lavoipierre - Gesang
Annemieke Cantor - Gesang
Johan Folker - Schlaginstrumente

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Die Liedersammlung Piæ Cantiones wurde zum ersten Mal im Jahre 1582 in Greifswald veröffentlicht. Die Sammlung enthält insgesamt 74 lateinische Lieder, die meisten davon sind einstimmig.

Die Melodien sind elf verschiedenen Überschriften zugeordnet, wovon sich die ersten auf das Kirchenjahr und dessen Festlichkeiten wie Weihnachten, Passionszeit, Osterfest und Pfingsten beziehen. Danach folgen Lieder zum Thema „fragilitate et miseriis humanæ conditionis“, etwa „über die Zerbrechlichkeit und das Elend des menschlichen Lebens“, darauf einige Lieder „De vita scolastica“, über das „Leben der Schulknaben“, und am Ende des Büchleins befinden sich zwei historische Lieder, „historicæ cantiones“, sowie zwei Lieder über den Frühling.

Der Herausgeber und Sammler dieses umfangreichen Materials war Dijderik Pehrsson Rwtha (Theodoricus Petri Ruuth), geboren in dem Kirchspiel Borgå im südlichen Finnland. Wahrscheinlich war er als Kind Schüler an der Kathedralschule in Wiborg, er wurde nämlich später unter dem Namen „Svecus Wiburgensis“- „der wiborg’sche Schwede“- erwähnt. Wiborg, das ja heute zu Russland gehört, war in dem damaligen schwedischen Königreich der östlichste Vorposten.

Dijderijk Pehrsson wurde im Jahre 1581 an der Universität in Rostock eingeschrieben, wo zu dieser Zeit der Humanismus eine starke Stellung hatte. Schon bald kam der junge Student unter den Einfluss des Rhetorikprofessors Caselius, der eine besondere Vorliebe für die Literatur der Antike hegte, und bald begann Dijderijk selber, Poesie in einer Art neu-humanistischem Stil zu verfassen. In dieser kreativen Umgebung, in der man sogar deutsche Kirchenlieder ins Lateinische zurück-übersetzte, ist die Herausgabe der frommen Lieder in Piæ Cantiones zu verstehen: voller Enthusiasmus für die Antike und die lateinische Sprache möchte Dijderijk Pehrsson „der Jugend etwas Gutes tun“ und seine Botschaft verbreiten - ganz im Sinne moderner Vermarktung!

In seinem Vorwort macht Dijderijk geltend, dass die in Piæ Cantiones gesammelten Lieder in Schweden allgemein bekannt seien, von Wiborg im Osten bis Älvsborg im Westen. Er bezeichnet die Melodien als „alte Cantiones“, die man seit eh und je in den Schulen des gesamten Königreiches gesungen habe. Einige Lieder lassen sich in der Tat in vorreformatorische Zeiten zurückverfolgen, und von diesen sind auf der CD die drei folgenden Melodien vertreten: Insignis est figura, Mirum si læteris und Mars præcurrit. Vielleicht kann man hier auch einen pädagogischen Ansatz vermuten, nämlich dass Dijderijk Pehrsson durch die Herausgabe dieser imponierenden Sammlung die übrigen, weniger bekannten Lieder im ganzen Reich zu verbreiten versuchte, so dass sie allgemein bekannt würden…

Dieses kühne Unterfangen ist Dijderijk Pehrsson gelungen: Die Piæ Cantiones erfreuten sich großer Beliebtheit und wurden tatsächlich jahrhundertelang an schwedischen Schulen gesungen. Zum Beispiel berichtet Samuel Ödman in seinen „Erinnerungen“ von 1830, wie er während seiner Schulzeit in Växjö in den 1770-er Jahren „vortreffliche Melodien mit merkwürdigen Texten“ wie z.B. „maris stella, divinitatis sella“ gesungen habe, womit er vermutlich „Ave maris stella, divinitatis cella“ aus Piæ Cantiones meint. In der östlichen Hälfte des Reiches lebten die lateinischen Lieder noch länger im allgemeinen Bewusstsein, und noch um 1770 wurden einige der Piæ Cantiones wieder neu herausgegeben.

Doch was waren es nun für Gesänge, die unser Dijderijk Pehrsson so gern verbreiten wollte, in einem Land, das zu dieser Zeit noch nicht einmal in der Lage war, ein Notenbüchlein zu drucken? Die Lieder der Sammlung werden als „piæ“- fromm - bezeichnet, wohl um sie von anderen, weniger frommen Weisen, die man eher in Verbindung mit Schulknaben brachte, abzugrenzen. Ein übergreifender Begriff für spätmittelalterliche Lieder in lateinischer Sprache ist die Cantio, in der man oft eine deutliche Dur - oder Moll-Tonalität heraushören kann, was sie von den älteren kirchentonalen Gesängen unterscheidet; in einer Cantio bewegen sich die Melodien häufig in Dreiklangs-Motiven; - auf der vorliegenden CD sind Omnis mundus iucundetur und In dulci iubilo Beispiele dieser Gattung.


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Als Dijderijk Pehrsson die Liederauswahl für seine Veröffentlichung vorbereitete, war sein Ausgangspunkt sicherlich die Musik, die er selber in seiner Schul- und Studienzeit in Wiborg und Rostock kennengelernt hatte. Das musikalische Repertoire der Studienanstalten Europas war zum großen Teil ein Allgemeingut, das mit Hilfe von umherziehenden Studenten von Universität zu Universität gelangte. Nach hoffentlich erfolgreichem Abschluss der Studien zogen die Studenten heimwärts, und brachten so die neuen Lieder in andere Gegenden und Milieus.

Einen Teil der Melodien in Piæ Cantiones kann man z.B. nach Böhmen mit der Universitätsstadt Prag im Zentrum verfolgen, andere haben direkte Verbindung mit Philippe de Grevia, dem Kanzler der Universität in Paris im 13. Jahrhundert; wieder andere Spuren führen nach Polen, und eine interessante Fährte geht nach Dänemark, denn Dijderijk Pehrssons Grossvater war Däne - unklar ist jedoch, ob das für die Auswahl des Materials von Bedeutung war. Auf jeden Fall gibt es in Piæ Cantiones einige Lieder, die auch in älteren dänischen Quellen vorkommen, z.B. In vernali tempore, dessen Text von Morten Børup, Rektor in Århus, stammt, sowie einige Melodien in einem pädagogischen Traktat aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Eines der dort vertretenen Lieder ist einer der fünf „langen Gesänge“ in Piæ Cantiones, die in der auch damals schon altertümlichen Sequenz- oder Leich-Form komponiert sind (auf der CD sind davon zwei vertreten, nämlich Unica gratifera und Autor humanis generis). Diese fünf Sequenzen füllen zusammen mehr als ein Viertel des gesamten Liederbuches und werden heute eher selten öffentlich aufgeführt.

Im Vorwort der Ausgabe von 1582 steht, - dass - „vornehme und berühmte Personen in Åbo die Lieder revidiert und kontrolliert“ hätten, womit wohl angedeutet werden soll, dass das Domkapitel zu Åbo nach Durchsicht des Materials eine Druckerlaubnis, eine imprimatur, erlassen hatte. In den damaligen unruhigen Zeiten war solch eine Genehmigung nötig, um Bücher mit religiösem Inhalt importieren und verbreiten zu können, und die dafür zuständige kirchliche Instanz für die östliche Hälfte des Königreichs Schweden hatte zu dieser Zeit ihren Sitz in Åbo. Die Überprüfung des Inhalts scheint von Jacob Finno ausgeführt worden zu sein, und es wird erwähnt, dass er die Texte der alten Lieder an mancher Stelle „korrigiert“ und „verbessert“ habe. Ob wirklich Finno für die manchmal recht ungeschickten Versuche verantwortlich war, die Marientexte so umzuschreiben, dass sie sich auf Jesus Christus beziehen sollten, ist schwer zu sagen.

Etwa die Hälfte der Lieder in Piæ Cantiones sind Unikate und also in anderen Ländern und anderen Quellen nicht auffindbar, was vielleicht auf einen nordischen Ursprung deuten kann, so z.B. das „historische“ Lied Ramus virens olivarum, das von dem Schicksal des heiligen Bischofs Henrik berichtet- dieser wurde, so heißt es, im Moor bei Kjugö von einem Bauern namens Lalli ums Leben gebracht. Die Anfangsbuchstaben der Verszeilen ergeben ein Wort, ein Akrostichon: nämlich RAGVALDUS. Solche Akrostichen gibt es in mehreren Liedern in den Piæ Cantiones, z.B. tauchen die Namen BIRCERUS (Birger) und OLAUS (Olav) auf, was auf einen Textverfasser nordischer Herkunft hinweisen könnte. Der Name Ragvaldus könnte sich entweder auf Bischof Ragvaldus I. von Åbo (gest. 1266) oder seinen Nachfolger Ragvaldus II. (gest. 1321) beziehen.

Im 19. Jahrhundert versuchte man in England, die „alte“ Carol-Tradition zu modernisieren und suchte aktiv nach neuer, dazu passender Musik. Ein Exemplar der Piæ Cantiones, das heute in der British Library aufbewahrt wird, kam 1853 nach England und fiel dort in die Hände von John Mason Neale. Neale brachte in den Jahren 1853-54 ganze 26 Melodien aus Piæ Cantiones mit englischen Texten heraus, in vielen Fällen ohne inhaltliche Anlehnung an die Originaltexte. Zu einer Melodie, Tempus adest floridum, setzte Neale einen Weihnachtstext, und siehe - ein echter „Hit“ war geboren: Good King Wenceslas. Die ersten Zeilen von Tempus adest floridum sind auch in Carmina burana, der bayerischen Sammlung mit fast 300 Texten, die oft einen deutlich weniger frommen Text als in Piæ Cantiones aufweisen, und deren Verfasser umherziehende Studenten und Kleriker waren, die sogenannten Vaganten und Goliarden.

Vor einigen Jahren machte man in einem anderen Kloster, in Vorau in Österreich, eine interessante Entdeckung: der Text einer der langen Sequenzen, Florens iuvenalis virginis aus Piæ Cantiones, ist auch in einem Manuskript der Klosterbibliothek enthalten- dieses Manuskript ist jedoch ganze 250 Jahre älter als Piæ Cantiones. Aus dem Zeitraum dazwischen haben wir keine Spuren dieser Sequenz…

Piæ Cantiones enthält Lieder sowohl für den Gebrauch in der Kirche als auch in der Schule. Es ist bekannt, dass das Singen in der Schule eine wichtige Rolle spielte, was aus der Schulordnung von 1571 deutlich hervorgeht: täglich, nach dem Mittagessen, stand eine Stunde Singen auf dem Stundenplan. Mit diesem regelmäßigen Unterricht müssen die Kathedralschulen hervorragende Chöre gehabt haben! Aus dem 16. Jahrhundert weiß man nur wenig über den Gebrauch von Instrumenten in Schulen, während im 17. Jahrhundert anscheinend besonders die Posaune und die Trompete eine wichtige Rolle für die Ausbildung der jungen Kirchendiener spielten. Das in den Stiftsstädten überlieferte Notenmaterial zeigt uns, dass sich die Schulknaben ausgiebig mit der musica figuralis, der mehrstimmigen Musik, beschäftigt haben, wohl auch, weil diese rein finanziell am einträglichsten war. Doch kann man annehmen, dass schon im 16. Jahrhundert viele der Lieder in Piæ Cantiones instrumental ausgeführt oder begleitet wurden, indem man, einer eher mittelalterlichen Praxis entsprechend, den einstimmigen Gesang mit improvisierten Borduntönen oder Gegenstimmen begleitet hat. Diese These ist der Ausgangspunkt für viele der Interpretationen auf dieser CD.

Es war die Aufgabe der Kathedralschulen, Pfarrer auszubilden, und als ein solcher musste man natürlich gut singen können. Doch die Musik hatte noch andere wichtige Funktionen: das öffentliche Singen und Musizieren war eine beachtliche Einnahmequelle sowohl für die Erziehungsanstalten wie für die Studenten. Die Schulknaben sangen häufig in der Kirche, im Gottesdienst, bei Trauungen und Beerdigungen. Gerade Beerdigungen konnten in Zeiten mit viel Todesfällen die Schularbeit geradezu lahmlegen, doch gaben sie gute Einkünfte für die Schulkasse. Die Schulknaben gingen auch auf Wanderschaft im Umland der Städte und sangen, um von der bäuerlichen Bevölkerung Unterstützung, entweder in harter Währung oder in natura, zu erbitten. Die Bauern und auch die Bürger der Städte waren gesetzlich verpflichtet, auf diese Weise die Schüler und das Schulwesen zu unterstützen. Solche ostiatim-Wanderungen wurden jedes Jahr mehrfach durchgeführt, in der Adventszeit und im Frühsommer, kurz vor Pfingsten, und dabei kamen sicherlich die jeweils passenden Lieder aus Piæ Cantiones zur Anwendung.

Da die Gesänge in Piæ Cantiones alle in lateinischer Sprache sind, wurden sie sicherlich auch im Latein-Unterricht der ersten Schuljahre verwendet. Doch schon früh, im 16. und 17. Jahrhundert, tauchen die ersten Lieder aus Piæ Cantiones in schwedischen Übersetzungen auf, und manche davon sind in Liederbüchern überliefert, die von den Schulknaben selbst niedergeschrieben worden sind . So wurde Vanitatis vanitas von dem Astronomen und Gesangbuchautor Sigfrid Aron Forsius ins Schwedische übersetzt und ist in dieser Form (Alle tingh på jordene) auf dieser CD enthalten (CD 2- 11). Mehrere Lieder sind von Johan Rhezelius in seinem Gesangbuch von 1619 übersetzt, so z.B Gud uthsende engel sin (CD 1- 5).

Dijderijk Pehrsson wird in der zweiten Ausgabe der Piæ Cantiones im Jahre 1619 nicht einmal erwähnt. Der Grund dafür war höchstwahrscheinlich politischer Art: Pehrsson hatte seit 1588 am Hofe von König Johan III. als Kanzlist gearbeitet und fiel nach dem Tod des Monarchen in Ungnade bei dessen Nachfolger Herzog Karl, der in ihm einen Anhänger des rechtmäßigen Thronanwärters Sigismund vermutete. Dijderijk wurde der Unterschlagung beschuldigt und vor Gericht gestellt, und diese Anklage sowie seine Treue zu Sigismund bewirkten, dass er im Jahre 1602 des Landes verwiesen wurde und vor 1619 im Exil in Danzig starb. In der nächsten Ausgabe von Piæ Cantiones im Jahre 1625, für die Dijderijks Brüder und Neffe aufkamen, wird Dijderijk Pehrsson wieder als Herausgeber genannt und gewürdigt. (av dem finns på denna CD två: Avtor humani generis och Vnica gratifera legis.

 

Per Mattsson ©2009


viola-basun-slagverk:
Personent hodie

sopraner:
Vnica gratifiera

sinfonia-blockflöjt-basun-slagverk:
Ecce nouum gaudium

sopraner-sinfonia:
Ad cantus læticiæ

sopraner & viola:
Avtor humani generis

blockflöjt-viola-basun:
Æetas carmen melodiae

röster-viola:
Jesus Christus nostra salus 1

skalmej-basun-slagverk:
Jesus Christus nostra salus 2

viola-sopran:
In hoc vitae stadio

sopraner-viola-slagverk:
Mirum si læteris

sinfonia-basun-slagverk:
In stadio laboris

sopran-blockflöjt-viola:
Alle tingh på iordenne

sopraner-klockor:
Zachaeus arboris ascendit

blockflöjt-viola-basun:
Cedit hyems eminus

sopran-viola:
In vernali tempore

Finale: (komplett)

Tempus adest floridum

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